VON DER RELATIVITÄT DER ENTFERNUNG
reisen verbindet. das reisen ist, nach der beobachtung der projektbetreiber, vor allem dem kommerz, der arbeitsstätte und dem tourismus gewidmet, oft sind auch wissensdurst, forscherdrang auslöser dafür. doch orte, die geografisch nahe zusammen liegen, sind kulturell oft weit voneinander entfernt.
inwieweit stehen die ideen, die kultur- und kunstleistungen zweier generationen von heute lebenden künstlern und künstlerinnen in österreich und der slowakischen republik im austausch miteinander – und im zusammenhang? über eine grenze hinweg, die, verglichen mit den zuständen noch vor wenigen jahren, keine mehr ist. die die grenzüberschreitung zur harmlosen routine werden lässt mit bilateral betriebenen grenzstationen und beamten, deren aufregendste amtshandlung das durchwinken ist.
das projekt beschäftigt sich mit dieser fragestellung und hat dazu ungewöhnliche menschen, besondere orte und inspirierende voraussetzungen in bratislava gefunden. workshops, performances und präsentationen finden dort statt, bewegungen werden in kunst umgesetzt, kreisläufe werden kurz geschlossen. das projekt sieht sich als auftakt, weitere aktionen sollen folgen, auch eine publikation im verlag bibliothek der provinz ist geplant.
Resumé von Gertrude Moser-Wagner
Voraussetzung:
Die Intention des Projekts war es, die Nachbarschaft der beiden Städte Wien und Bratislava auf dem Gebiet visueller und performativer Künste zu erforschen. Die beiden Städte sind kaum 60 km entfernt. Wir luden dazu verschiedene Generationen von Kunstschaffenden ein, die auch verschiedenen Disziplinen angehörten. Es waren zehn KünstlerInnen und drei KulturtheoretikerInnen, sowie einige StudentInnen beider Länder.
Eine Gruppe war Anfang Mitte Dreißig, eine weitere Gruppe Mitte Vierzig bis Mitte Fünfzig und ein Künstler war Siebzig. Ein paar zugeladene KulturtheoretikerInnen sollten die Situation beobachten und später Texte dazu verfassen oder vor Ort sprechen.
Wir stellten uns diese interessante Konstellation von zehn Kunstschaffenden und drei TheoretikerInnen wie einigen StudentInnen als sehr zielführend vor, besonders für ein Projekt, das durch Untersuchung verschiedener Voraussetzungen vor Ort zu visuellen und diskursiven Ergebnissen kommen sollte, das also auch Prozesse zuließ. Die Mitwirkenden wurden einerseits von Machfeld (sie wählten Personen, mit denen sie kürzlich gearbeitet hatten) und Moser-Wagner (die von ihr gewählten Personen waren vor 15 Jahren Mitwirkende in einem gemeinsamen Symposium beider Länder) ausgewählt. Der Biennale-Teilnehmer Stano Filko war einfach ein sehr interessanter Künstler vor der Haustüre, sein Beitrag schien uns wertvoll. Das Veranstaltungsteam/die Projektleiterin hatte einige Erfahrung mit Projekten, die als Prozess entstehen und sich auch auf Orte beziehen und das Festivalthema „grenzen:los“ war dazu genau richtig.
Erfahrungsbericht:
Das Projekt-Konzept sah vor, einige Orte in Bratislavas öffentlichem Raum einzubeziehen. Ein gemeinsamer Ort sollte zudem über ein Woche lang der tägliche Arbeitsort aller Mitwirkenden sein, sodass sich Gruppenergebnisse wie auch Einzelresultate entwickeln konnten und die Diskussion ebenfalls ihren Platz hatte.
Diskursiv gesprochen, waren uns schon von Anfang an (bei den Abstrichen, die wir in der Vorbereitung machen mussten) aufgefallen, dass Bratislava nicht eine Kunststadt ist, wie Wien, die ihre Kunstschaffenden zumindest respektiert und wichtig findet. Dazu kommt dort die Erwartungshaltung des Eingeladenwerdens statt der Eigeninitiative seitens der KünstlerInnen. Ein wesentlicher Unterschied schien uns auch die Beweglichkeit und Mehrsprachigkeit der Mittleren und Älteren Generation. Mit Stano Filko konnten wir nur slowakisch sprechen respektive mit Übersetzerin, was einige Missverständnisse brachte. Die beiden anderen slowakischen Mitwirkenden waren aber zugleich Uniprofessoren, sodass Englisch die gemeinsame Diskussionsgrundlage sein konnte, denn bei den Jüngeren gab es kein Problem mit der Sprache. Wir mussten feststellen, dass Erwartungshaltungen an Österreich als Unterstützerland sehr hochgeschraubt waren, was wir ständig korrigieren mussten. Sogar die Institutionen wie das Kulturzentrum A4 rückte von seinen anfangs gemachten Angebot ab, uns Räume zu einem Freundschaftspreis zu überlassen, was wir dank unserer slowakischen Mitorganisatoren einrenken konnten. Fazit: Ohne die Mitorganisation der beiden Kollegen Michal Murin und Brano Spacek wäre dieses Projekt eigentlich gar nicht möglich gewesen, in der Form wie es letztlich praktisch durchgeführt werden konnte, nämlich zur Begeisterung des anwesenden Publikums.
Publikum:
Das wesentliche Publikum kam am Samstag, 9.7.2007, dem Tag der Präsentationen, mit dem Shuttle-Bus. Es waren an die 37 Personen aus Wien und Niederösterreich. Einige fuhren zudem mit dem eigenen Auto nach. Die Zahl der slowakischen InteressentInnen lag so um die zwanzig. Wir hatten also eine anregende und sehr interessierte Gruppe an ZuschauerInnen.
Mit der Webster Universität Wien konnte schon im Mai durch einen Vortrag zu Kunstprojekten in der Slowakei von Michal Murin und durch das Erscheinen zweier Studentinnen, wovon eine, Isabella Vatter, wichtige organisatorische Mitarbeit leistete, der Kontakt hergestellt werden. Diese Kontakte hoffen wir zukünftig zu erhalten. Auch zwei Studenten von Michal Murin waren die gesamte Zeit über in der Gruppe aktiv und assistierten, einer machte eine eigene Arbeit. Das erwies sich als besonders gut für beide Seiten.
Am Tag der Aufführungen war schönes Wetter, weshalb die Stimmung gut und das Publikum neugierig und konzentriert war. Wir starteten, wie im Programm vorgesehen, pünktlich mit einer Intervention von Gertrude Moser-Wagner am Koliba-Lift. Danach gab es ein von uns großteils selbst vorbereitetes Buffet auf der ehemaligen nun grünen Piste, das positiv kommentiert und angenommen wurde. Gegen Ende des Aufenthalts auf der Wiese am Koliba waren Performances angesetzt, die sehr passend durch Gesten und Worte den Ort einbezogen und die beiden Länder ansprachen (Katarina Mojzisova und Sabine Maier). Nach eineinhalb Stunden freier Zeit in der Altstadt luden wir das Publikum ab 16:30 Uhr ins Kulturzentrum A4, am SNP-Platz, zu unserem weiteren Programm, das in der Woche entwickelt wurde. Wir mussten im Vorfeld ein relativ straffes Programm festlegen, denn der Bus fuhr um 19 Uhr wieder ab. Daher war es innerhalb der Mitwirkenden von Seiten der Slowakei zu Irritationen gekommen, der Kunsttheoretiker Jozef Czeres sagte ab, da er seine Einführung zu Stano Filkos Video nicht auf eine vorgeschlagene Zeit reduzieren wollte und aus Geldgründen. Die Genehmigung für die schöne, aufwändige Performance von Rolf Hinterecker im Außenraum war jedoch auf eine bestimmte Zeit anberaumt und diese Zeit musste eingehalten werden, war es doch schon schwer genug, die Genehmigung dafür zu erwirken.
Die Rückmeldungen des Publikums, die uns zukamen waren sehr positiv, wenngleich diese Woche für den inneren Kern der Mitwirkenden recht anstrengend war. Internationale Projekte wie diese sind oft von Dynamiken geleitet, die, anders als durch kunstfamilienähnliches Zusammenlegen der Kräfte hin zu einem gemeinsamen Ergebnis, auch disparat sein können. Die Diskursebene wurde durch ein Interview mit dem Schriftsteller Milan Richter bestätigt, der zwar nicht direkt Mitwirkender war, jedoch ein erhellendes Interview beisteuerte, das Gertrude Moser-Wagner mit ihm im A4 machte. Als weitegereister Slowake kannte er die Schwierigkeiten im eigenen Land und konnte sie benennen.
Spezielles Resultat dieser Bratislava-Woche ist eine Gruppenarbeit: eine sechsminütige DVD, vor Ort hergestellt, wo fast alle Mitwirkenden eingebunden sind und mehrere Orte in dieser so spannenden Stadt Bratislava zu Tages- und Nachtzeiten, in einem Stück mit handelnden Personen, wie Schauplätze zu einem Musikclip auftauchen. Bei dieser Arbeit waren Michael Mastrototaro und Brano Spacek Ideenbringer und Schwerarbeiterabeiter an Schnitt und Durchführung. Daniel Aschwanden, er konnte nicht die ganze Woche bleiben, war wichtiger Anreger in Wort und Bild. Norbert Trummer betätigte sich als Zeichner vor Ort, er wanderte täglich, morgens bis abends, in der Stadt herum und machte eine Serie von inspirierten Bratislava-Buntstiftzeichnungen vor Ort. Über seine Vermittlung konnten wir den Verlag der Bibiliothek der Provinz als Interessenten für eine mögliche zukünftige Publikation ansprechen. |